Skip to main content

Stadtteilportrait Pfeddersheim

-geschichtsreich über Höhen und durch Tiefen-

Ein Stadtteilporträt von Felix Zillien

„Unter den Wormser Stadtteilen nimmt Pfeddersheim ohne Zweifel eine Sonderstellung ein, handelt es sich doch um ein Gemeinwesen, das in seiner Geschichte selbst Jahrhunderte lang städtischen Charakter trug und längere Zeiträume hinweg ‚Stadt’ im Rechtssinne war. Diese lange eigenständige Tradition und Geschichte sowie eine Fülle historischer Zeugnisse haben bei der Pfeddersheimer Bevölkerung zu einem ausgeprägten Bewusstsein von der historischen Stellung Pfeddersheims geführt…“

Michael Kissel

Oberbürgermeister der Stadt Worms

(aus dem Grußwort des Festbuches „1250 Jahre Pfeddersheim in Bildern, Geschichten &...,“ (2004)

Frühgeschichte

Erstmals ist Pfeddersheim urkundlich am 25. Mai 754 als „Paterno villa“ erwähnt: Bischof Chrodegang von Metz, ein überaus eifriger Kirchenfürst, der anno 764 das Kloster Lorsch im Weschnitzgrund auf der rechten Rheinseite gründete, verlieh mit Einwilligung von König Pippin mehrere Güter im Wormsgau an die nahe von Metz gelegene Abtei Gorze. Darunter wird in der Urkunde unter anderem genannt: „…illam basilicam que est in Paterno villa constructa…et illam decimam de vino…“. Also: „…die Kirche, die in Pfeddersheim erbaut ist…und auch den dortigen Weinzehnten…“.

Aufgrund von archäologischen Funden wissen wir, dass schon lange vor diesem Zeitpunkt eine örtliche Ansiedlung bestanden hat. In einer ehemaligen Sandgrube im Bereich der heutigen Straße zwischen Pfeddersheim und Monsheim (alte B 47) wurden bei einer zweijährigen Ausgrabung nach jahrtausendlanger Ruhe Überreste von Beutetieren und Steinwerkzeugen ans Tageslicht gebracht. Die Steinwerkzeuge wurden einem Jägertrupp der Neandertaler Rasse zugeordnet, die vor etwa 150000 Jahren dicht westlich vom heutigen Pfeddersheim auf einer lang gestreckten Insel, die von zwei Pfrimmarmen umgeben war, gelagert hatte. Etwa 60000 Jahre später ließ sich an derselben Stelle ein anderer Jägertrupp nieder, der bereits einer höher entwickelten Rasse angehörte und in seiner körperlich-geistigen Ausbildung dem heutigen Menschen recht nahe stand. Auch er kannte nur Steinwerkzeuge, verstand aber zugleich in hohem Maße die Kunst der Knochen- und Geweihbearbeitung, wofür die Grabungen eine Reihe schöner Beweise erbrachten, die im Wormser Museum aufbewahrt werden.

Wie es mit der Existenz einer frühgeschichtlichen Besiedlung auch gewesen sein mag, die Historiker können beim jetzigen Stand der Kenntnisse die Ortsgeschichte von Pfeddersheim erst mit der Römerzeit beginnen lassen. Es kann als sicher angenommen werden, dass im Gemarkungsbereich eine römische Niederlassung bestanden hat, wenn auch noch keine Gebäudereste aus römischer Zeit gefunden wurden. Es wurde hingegen ein römisches Gräberfeld am Standort der früheren Enzinger Union Werken im Jahr 1939 angeschnitten. Wegen des Kriegbeginns musste die Grabung eingestellt werden. Es gilt als gesichert, dass mitten durch die alte Ortslage eine Römerstraße am Nordufer der Pfrimm und eine zweite römische Straße entlang der südlichen Gemarkungsgrenze auf dem Höhenrücken Richtung Heppenheim/Horchheim verliefen.

Der römerzeitliche Ortsname Pfeddersheims basiert auf dem lateinischen Personennamen „Paternus“. Wie der Historiker Wilhelm Rudolf Alter, der 1950 an der Universität Heidelberg seine Dissertation über „Studien zur Geschichte der Verfassung und Verwaltung der Reichsstadt Pfeddersheim“ vorgelegt hat, ermittelte, gab es diesen Namen im linksrheinischen Provinzialraum im Bereich von Töpferorten des Römerreiches, so in der Nähe von Eisenberg, in Blickweiler und Rheinzabern. Unter ihnen ragt Pfeddersheim besonders hervor, weil sich hier in direkter Linie der römerzeitliche Ortsname über manche Übergangsformen wie „Paterno villa“, „Paternisheim“, „Petrenshaim“, „Peternsheim“ und „Phettersheim“ bis zum heutigen „Pfeddersheim“ fortentwickelt hat.

Ob es sich bei dem Namensgeber von Pfeddersheim (Baddo oder Paterno?) um einen Betreiber römischer Terra Sigillata - Töpfereien handelte, ist ebenso wenig belegt wie die einer „Villa rustica“, also eines römischen Gutshofes mit großen landwirtschaftlichen und weinbaulichen Nutzflächen. Die vorhandenen hohen Lößlehmwände in einigen Hohlwegbereichen könnten Hinweise darauf sein, dass hier einst Töpfererde gewonnen wurde. Die fast exakt rechtwinklige Form der Gemarkung und ihre genauen Flureinteilungen könnten andererseits auf eine römische Besiedlung und Wirtschaftsweise zurückzuführen sein.

Für die Zeit etwa ab 500 n. Chr. ist - wie bei vielen Orten mit der Endsilbe „…heim“ - eine fränkische Besiedlung nachweisbar: Der alte Standort der Kirche nahe beim Ortsrand deutet auf eine Gründung in fränkischer Zeit hin, da es bei den Franken üblich war, die Toten im Ortrandbereich zu bestatten, so dass die Pfarrkirche zugleich als Friedhofskirche genutzt wurde. Rundum die Pfeddersheimer Kirche sind bei vielfältigen Erdarbeiten und Grabungen menschliche Bestattungen entdeckt worden.

Ortsentwicklung – freie Reichsstadt

Der erstmals 754 erwähnte Ort mit besten Ackerböden und größerem Weinbau muss schon in jener Zeit eine ansehnliche Ansiedlung gewesen sein. Die günstige Lage im Pfrimmtal nahe viel benutzter Straßen vom Rhein bei Worms in die frühfränkische Region über Metz nach Paris förderte die Beachtung durch politische und kirchliche Kreise. Im Jahr 771 wird „Paternovilla“ als eine öffentliche Gerichtsstätte erwähnt. Vor allem im 13. Jahrhundert nahm der Ort an Ansehen und Größe beständig zu, bis er schließlich für eine Stadt reif war. Noch am 21. Januar 1304 wird der Ort in einer Wormser Urkunde „ville Pederensheim“ (Dorf Pfeddersheim) genannt, in einer späteren Wormser Urkunde vom 5. November 1308 ist erstmals die Rede von „…sitam in opido Peddersheim…“ (…gelegen in der Stadt Pfeddersheim). Beide Urkunden sind im „Urkundenbuch der Stadt Pfeddersheim“ (1911) enthalten.

Wann exakt die Stadterhebung erfolgte, konnte bislang nicht ermittelt werden, weil die Erhebungsurkunde offensichtlich verloren gegangen ist. Aus dem „Vidimus für Pfeddersheim von 1546“, welches die Stadt Oppenheim ausstellte, wissen wir, dass König Albrecht von Österreich die Stadterhebung vorgenommen hat. Da dieser am 1. Mai 1308 ermordet wurde, bleibt der vorgenannte Zeitraum zwischen Januar 1304 und November 1308 die engste Spanne, während der die Erhebung von Pfeddersheim zur Stadt erfolgte.

Pfeddersheim wurde durch die Verleihung mit königlichem Stadtrecht zu einer „freien Reichsstadt“, die unmittelbar dem Reich unterstand, ihm gehörte und über Privilegien verfügte, so beispielsweise ab 1379 über ein Marktprivileg. Aus jener Zeit stammt auch das älteste Stadtsiegel mit dem thronenden Kaiser, der Zepter und Reichsapfel in den Händen hält. Die Inschrift rund um das Abbild des Kaisers „Sigillum Civitatis in Pedersheim“ verweist auf das Siegel der Bürgerschaft in Pfeddersheim. Bis Ende des 16. Jahrhunderts blieb das historische Stadtsiegel erhalten. Ab 1597 trat an die Stelle der Kaiserabbildung der Reichsadler in schwarz auf goldenem Grund und dazu der Buchstabe „P“ für Pfeddersheim. Schärfer konnte die einstige Zugehörigkeit zum Reich auch nach der Verpfändung an die verschiedenen Pfandherren nicht dargestellt werden. Diese duldeten das Zeichen des Reiches in der Gestalt des Adlers ebenso wie die Insignie der Stadt. Das alte und historisch belegte Siegelbild hat sich als Gemeinde- bzw. Stadtwappen bis weit ins 19. Jahrhundert behauptet. Aus diesem Siegelbild ist schließlich das heutige Stadtwappen entstanden, welches mit Urkunde des Hessischen Ministers des Innern durch Urkunde vom 5. März 1930 offiziell genehmigt wurde.

Höhen und Tiefen

Die freie reichsunmittelbare Zeit von Pfeddersheim dauerte nur wenige Jahre. Bereits ab 1317 trat wegen Finanznöten des Reiches die erste Verpfändung ein, der mehrere weitere Verpfändungen folgten. Zwar blieb während dieser Zeit das Pfandobjekt Pfeddersheim Reichseigentum, aber die reichsunmittelbaren Rechte ruhten. Dass die Verpfändungen die Stadt Pfeddersheim in ihrem Gestaltungswillen nicht besonders einengten, zeigte sich in ihrer eigenen Entscheidung, am 15. Juni 1381 als 8. Mitglied in den „Bund der Rheinischen Städte“ einzutreten. Dieser Städtebund war im März 1381 von den Städten Mainz, Worms, Frankfurt, Speyer, Straßburg, Hagenau und Weißenburg ins Leben gerufen worden.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war Pfeddersheim im Pfandbesitz der Erzbischöfe von Mainz. Am 27. Mai 1465 verschrieb Kurfürst und Erzbischof Adolf von Nassau mit Einwilligung des Mainzer Domkapitels die Stadt Pfeddersheim für 7848 Gulden an den Kurfürsten von der Pfalz, Friedrich I. So wurde Pfeddersheim kurpfälzisch. Damit wurde eine Entscheidung getroffen, deren Auswirkungen noch heute nachwirken: Als kurpfälzische Untertanen nahmen die Bürger später den reformierten Glauben an, während Pfeddersheim als „Mainzische Stadt“ katholisch geblieben wäre. Dieser Unterschied in Fragen der Konfession war auch maßgebend für viele neu zugezogene Familien, denn bis Ende des 30-jährigen Krieges wurde verlangt, dass neue Bürger die Religion des Landesherrn und der Stadt besaßen oder annahmen.

Pfeddersheim war im August 1557 Ort von Religionsgesprächen: Auf Veranlassung des lutherischen Kurfürsten Ottheinrich gab es ein solches Gespräch mit den in der Kurpfalz verfolgten Wiedertäufern. Die nachträglich eingemeißelte Jahreszahl 1557 auf dem spätmittelalterlichen Steinkreuz auf der Anhöhe im Süden der Gemarkung, wo Spuren eines Hügelgräberfeldes der Urnenfelderkultur (1200-800 v. Chr.) gefunden wurden, kann als Erinnerungszeichen für dieses Religionsgespräch gewertet werden.

Mit den Verpfändungen begann im Laufe der Zeit die Entfremdung der Stadt vom Reich. Schließlich wurde Pfeddersheim durch die Festlegungen des Westfälischen Friedens von 1648 in rechtlicher Hinsicht eine pfälzische Landstadt. Während der französischen Besetzung im Verlauf der französischen Revolutionskriege wurde Pfeddersheim unter Napoleon von 1798 bis 1814 zur „Kantonstadt“ eines eigenen Kantons mit 23 Nachbargemeinden und 13066 Einwohnern, der zum Departement Donnersberg zählte. Nach dem Wiener Kongress kam Pfeddersheim ab 1816 zusammen mit der neuen Provinz Rheinhessen an Hessen-Darmstadt und nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Zuge der Länderneugliederungen zu Rheinland-Pfalz.

Bei diesen stichwortartigen Hinweisen auf die frühe Stadtgeschichte von Pfeddersheim dürfen vorangegangene wichtige Ereignisse nicht unerwähnt bleiben: Geschichtlich gesehen stand die Übergabe von Pfeddersheim an die Kurpfalz am Ende eines langjährigen Ringens zwischen den beiden um die politische Führung am Mittelrhein rivalisierenden Mächte Kurmainz und Kurpfalz. Militärisch wurde diese Auseinandersetzung bereits am 4. Juli 1460 in der Schlacht bei Pfeddersheim zugunsten des Kurfürsten von der Pfalz – Friedrich I. „des Siegreichen“ – entschieden. Bereits im November 1388 war Pfeddersheim Schlachtort im süddeutschen Städtekrieg gegen die Kurpfalz. Im Zeitalter der Reformation fand in Pfeddersheim im Juni 1525 die Entscheidungsschlacht im Bauernkrieg statt, bei der mehrere Tausend Bauern vor allem in dem nach Mörstadt führenden Hohlweg ihr Leben lassen mussten. Noch heute heißt diese Straße im Volksmund „Bluthohl.“(Blut floss kniehoch in Hohl) Im Bauernkrieg war auch die Stadtbefestigung mit der vollständig erhaltenen Ringmauer in Länge von 1895 Metern und den damals zehn Wehrtürmen sowie zahlreichen Halbtürmen und drei Stadttoren stark in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass diese in der Folgezeit mit Hilfe städtischer Mittel und durch Arbeitseinsatz der Bürger in den so genannten „Letzen“ (Stadtviertel) gründlich saniert werden mussten.

Zur Erinnerung an die 475. Wiederkehr der Bauernschlacht wurden im Jahr 2000 zwei Denkmäler gesetzt: Das Bauernkriegsdenkmal in der „Bluthohl“ und die Friedensstele auf dem Kirchenvorplatz. Letztere, von Horst Rettig konzipierte Stele, wurde von der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz 2006 als überregionales Kunstwerk eingestuft.

Das größte Unheil über Pfeddersheim kam während des Pfälzer Erbfolgekriegs: Im Schicksalsjahr 1689 wurde unter dem französischen General Melác auch Pfeddersheim nahezu restlos zerstört. Selbst die Kirche brannte bis auf die Grundmauern völlig aus. Über 30 Jahre blieben die Trümmer liegen, der Gottesdienst wurde im „Beinhaus“ auf dem Friedhof abgehalten. Es ist nachzulesen, dass „von 144 Bürgern 70 meist wohl Hungers gestorben, 58 weggezogen und nur noch 16 Mann mit Weib und Kind da blieben.“ Viele Familien waren auf rechtsrheinisches Gebiet geflüchtet. Der Pfeddersheimer Stadtrat hatte mit allen Stadtakten Notaufnahme in Frankfurt-Sachsenhausen gefunden, wo er fünf Jahre im Exil seine Sitzungen abhielt. Von diesem herben Verlust der gesamten örtlichen Baustruktur hat sich Pfeddersheim nur langsam und mühevoll erholt. Um Anreize zur Neuansiedlung zu schaffen, wurden neu hinzuziehende Einwohner zehn Jahre lang von Steuerlasten freigestellt.

Landwirtschaft und Weinbau

In jener Zeit war Pfeddersheim wirtschaftlich vor allem durch Landwirtschaft und Weinbau geprägt. Speziell der Riesling-Anbau hat eine lange Tradition. So ist heute noch die Pfeddersheimer Riesling-Urkunde von 1511 im Wormser Stadtarchiv vorhanden. Sie gibt Auskunft über die Lage dieses „Riesling-Wingerts im Funtdall“, der heutigen Weinlage „im Fohndel“ nahe der Straße in Richtung Flörsheim-Dalsheim.

Aus dem Jahr 1645 stammt der Kupferstich von Merian, auf dem Weinbergslagen dargestellt sind. In den textlichen Erläuterungen zu diesem Stich heißt es unter anderem: „Pfedersheim…nach Altzen und Odernheim mit eitel Weingärten umgeben, allda ein köstlicher Wein wächst, wo dem Barcharacher nichts nachgibt“. An anderer Stelle heißt es: „Pfedersheim, ein Stättlein, ein Meilwegs von Wormbs gegen dem Gebürg und in der Unteren Pfalz gelegen und wegen des herrlichen Weins, so allda wächst, weit berühmbt.“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Pfeddersheim durch den Weinbau noch weiter über die Ortsgrenzen bekannt, weil ab 1906 hier eine der ersten Rebschulen eingerichtet wurde, die vor allem der Bekämpfung der Reblausseuche diente. Bald darauf wirkte hier auch Georg Scheu, der Wegbereiter des deutschen Weinbaues und Begründer der Rebenzüchtung in Rheinhessen. Um die damalige regionale Zersplitterung von 23 Rebschulen in Rheinhessen zu konzentrieren, regte Georg Scheu in einer Denkschrift von 1916 die Gründung einer zentralen Rebenzuchtanstalt an, die schließlich 1920 in Pfeddersheim gegründet wurde. Allein bis in die 1930er Jahre wurden in dieser Rebenzuchtstation mehrere Tausend Stämme der Sorten Silvaner, Riesling, St. Laurent, Gutedel, Weisburgunder, Müller-Thurgau – um nur einige zu nennen – geprüft und „selektioniert“ (ausgewählt). Vielfältige Methoden der neuzeitlichen Jungfelderziehung gingen auf Versuche in Pfeddersheim zurück. Vor allem machten wichtige Kreuzungsversuche verschiedener Rebsorten in damaliger Zeit Schule. Die wohl wichtigste Kreuzung unter Leitung von Georg Scheu entwickelte sich aus den Sorten Silvaner und Riesling. Daraus entstand die sehr bekannte und seit 1956 unter Sortenschutz stehende „Scheurebe“, die auch unter der Züchternummer „S 88 = Sämling 88“ in Fachkreisen bekannt wurde und in die Weinbaugeschichte eingegangen ist. Mehr als 30 Jahre lang wirkte Georg Scheu – neben Alzey – in Pfeddersheim als erfolgreichster Rebenzüchter. Noch heute erinnert eine Bronzeplatte an einem Anwesen in der Paternusstrasse 32, in dessen Gewölbekeller Scheu seine Rebsetzlinge und Versuchsweine lagerte, an sein Wirken in Pfeddersheim. Ebenso trägt die nach Mörstadt führende Straße seinen Namen.

Nicht unerwähnt darf die bedeutende Familie Möllinger bleiben, die im historischen Ortskern ihren landwirtschaftlichen Gutsbetrieb - den oft genannten Möllingerhof - führte und durch ihre weit blickenden ackerbaulichen Nutzungsmethoden die damalige Landwirtschaft zukunftsorientiert und überregional weiter entwickelte. Vor allem muss David Möllinger junior, der Enkel des in Monsheim zuvor ansässigen „Vater des Pfälzer Ackerbaues“ David Möllinger senior, genannt werden. Der Pfeddersheimer David Möllinger führte in der Zeit von 1803 bis 1818 die ersten Regenmessungen in Südwestdeutschland durch, aus denen er wegweisende Rückschlüsse auf die landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten ableitete. Er ist aber auch als langjähriger Bürgermeister und zeitweiliger Vorsitzender der Verwaltung des Kantons Pfeddersheim während der französischen Regierungszeit in die Ortsgeschichte eingegangen.

 

Kirchengeschichte

Mit der Frankenzeit kann ab dem frühen 6. Jahrhundert von einer ersten Christengemeinde mit einer kleinen Kirche am Standort der heutigen Pfeddersheimer Kirche ausgegangen werden. Wie schon erwähnt, wurde 754 eine Kirche erstmals urkundlich erwähnt. Hinzu kam wohl Anfang des 10. Jahrhunderts ein Kirchlein in Verbindung mit einem Benediktinerkloster auf dem nördlich der Ortslage gelegenen Georgenberg, dessen genaues Gründungsdatum nicht bekannt ist. Untergegangen ist dieses Kloster um 1543/44, nur ein zu Beginn der 1980er Jahre gefundener Sarkophag, der heute in der südlichen Anlage des Rathauses steht, lässt den Standort des Klosterfriedhofs nachweisen. So gab es in jener Zeit zwei Kirchen, die durch eine Kapelle im städtischen Hospital im Bereich der heutigen Schlossstraße ergänzt wurden.

Eine recht genaue Beschreibung der Ortskirche liefert das „Wormser Synodale“ von 1496. Für das damalige Bistum Worms hatte Bischof Johann von Dalberg eine Visitation aller Kirchen im Wormser Bistum angeordnet, um den baulichen Zustand der Kirchen und alle wichtigen kirchlichen Angelegenheiten gutachtlich zu beschreiben. Für die Pfeddersheimer Kirche ist dies die älteste überlieferte Beschreibung, die in lateinischer Sprache verfasst war. Einige wichtige Hinweise aus diesem in Kopie vorliegenden Dokument, für welches eine genaue Übersetzung der Kunsthistorikerin Irene Spille vorliegt, seien erwähnt: Die Kirche, die die Jungfrau Maria zur Patronin hat, unterstand dem Propst des Klosters auf dem Georgenberg-Kloster und verfügte über drei Altäre (Heilig-Kreuz-, Katharinen- und Elisabethenaltar). Auf dem umgebenden Friedhof stand die Stephanus - Kapelle und eine weitere kleine Kapelle als „Beinhaus“. Aus den weiteren Angaben des Visitationsberichts lässt sich eine dreischiffige Kirche mit Chorraum, Sakristei und Turm ableiten. Bemerkenswert ist dabei der Hinweis, dass die Kommunalgemeinde als Eigentümerin für die Unterhaltung des Kirchturms verantwortlich ist, wie es heute noch der Fall ist.

Die Pfeddersheimer Merian - Ansicht von 1645 gibt eine Vorstellung von der den Ort hoch überragenden Kirche mit dem östlichen Chorraum und dem westlichen Kirchenschiff sowie dem südlich vorgesetzten Kirchturm, der die Funktion eines kommunalen Wachtturms hatte und deshalb Bestandteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung gewesen ist.

Die Kirche wurde 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg niedergebrannt, nur ein Stumpf des Turmes blieb erhalten. Bei der späteren „Pfälzischen Religionsdeklaration“ vom 21. November 1705 wurde über die Kirchenruine ein Teilungsbeschluss gefasst und somit der Anfang der heutigen Simultankirche markiert: Die zahlenmäßig größere reformierte Kirchengemeinde erhielt das ehemalige westlich orientierte Kirchenschiff, die Katholiken den östlichen Chorraum, während der Kirchturm bei der Kommunalgemeinde verblieb. Nach langer Bauzeit konnte ab 1721 auf den Grundmauern der ursprünglichen Kirche der reformierte Gottesdienst beginnen. Erst 1789 - also hundert Jahre nach der Zerstörung - wurde der Chorraum für die Katholiken durch einen Saal mit fünfseitig geschlossenem Altarraum hergestellt. Beide Kirchenräume, die jeweils eigene Zugänge haben, sind durch eine beim Wiederaufbau von 1705 bis 1721 errichtete, etwa ein Meter dicke Wand räumlich getrennt, während der Turm mit Glockenstuhl (jeweils zwei Glocken der evangelischen, katholischen und kommunalen Gemeinde) etwas südlich vorgesetzt steht.

Anno 1714 errichtete die lutherische Gemeinde eine eigene Kirche in der heutigen Lutherstraße. Diese wurde durch die 1822 vollzogene Vereinigung (Union) der lutherischen und reformierten Gemeinde nach mehren Jahren der Weiternutzung schließlich entbehrlich. Nach dem letzten lutherischen Gottesdienst im Jahr 1839 wurde das Gebäude nach Umbaumaßnahmen zunächst als Kasino für gesellschaftliche Veranstaltungen, später auch als Kindergarten, Turnhalle und kriegsbedingten Wohnraum genutzt, bevor es 1973 ins Eigentum der evangelischen Gemeinde zurückkehrte und zum Gemeindehaus bis in jüngste Zeit aufwendig renoviert sowie durch einen eigens für die Jugendarbeit erbauten Anbau ergänzt wurde. Formell ist seit 1822 das westliche Kirchenschiff der Simultankirche Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde.

Jüdische Familien wohnten schon recht lange in Pfeddersheim, die ihre Gottesdienste zunächst in Privathäusern feierten, bevor sie 1834 einen Gemeindevorstand bildeten, der sich im gleichen Jahr zum Bau einer Synagoge oder zum Ankauf eines geeigneten Gebäudes entschloss. In der früheren Synagogengasse im Osten Pfeddersheims - heute Kleine Amthofstraße - konnte schließlich ein Anwesen erworben werden, welches 1843 als Synagoge hergerichtet war und wo bis zum Ersten Weltkrieg regelmäßig Gottesdienste gefeiert wurden.  Inzwischen war die jüdische Gemeinde nach dem 1. Weltkrieg durch Wegzug stark geschrumpft, so dass das Gebäude weitgehend ungenutzt blieb. Die letzte rituelle Handlung war 1921 im Rahmen einer Hochzeit. Auch die westlich angrenzende kleine jüdische Religionslehrerwohnung war seit dem 1. Weltkrieg nicht mehr von einem jüdischen Lehrer bewohnt. Das Gebäude wurde in der Reichspogromnacht 1938 nicht geschändet oder durch Brand zerstört, wohl deshalb, weil es für kultische Zwecke nicht mehr genutzt wurde und ein Brand wegen der unmittelbar angrenzenden Nachbargebäuden ein zu großes Risiko gewesen wäre. Im März 1941 wurde das Anwesen an einen Landwirt verkauft, der es landwirtschaftlich genutzt hat, bevor es 1980 an einen Weingutsbesitzer weiterveräußert wurde, der im Erdgeschoß eine Weinprobierstube einrichtete. Ab 2002 fanden aufwendige Sanierungen des Anwesens statt, das im April 1986 unter Denkmalschutz gestellt worden ist.

Seit 1833 gibt es nordöstlich der Ortslage in der Nähe des Pfeddersheimer Friedhofs den vermutlich zweiten jüdischen Friedhof: Denn am 12. August 1833 genehmigte die Großherzogliche Provinzial-Direktion die Anlage dieses Friedhofs allerdings unter der ausdrücklichen Bedingung, dass vorher der bisherige, ungesetzlich angelegte jüdische Friedhof aufgegeben werden musste. Von den noch vorhandenen 65 Grabsteinen konnten 62 identifiziert werden, während es wohl insgesamt einmal etwa hundert Grabsteine gegeben haben dürfte. Der älteste Grabstein ist von 1834, der jüngste ist von 1937.

Daten zum Schulwesen

Erstmalig erwähnt wurde im Kompetenzbuch von 1578 und im Baubuch des Oberamtes Alzey von 1587 eine Schule. Übereinstimmend heißt es dazu: „…Kirch steet in unclagbarem Bauw….desgleichen Schul undt Glockenwohnung.“ Grundlage für die Lehrerbesoldung („Schulmeister“) waren in jener Zeit die “Gefälle-Abgaben“ des Heilig-Kreuz-Altars der Pfarrkirche. Als Pfeddersheim 1816 hessisch wurde, gab es drei „Primär“- oder Volksschulen: eine reformierte, eine katholische und eine lutherische Schule. Im Jahr 1831 wurden diese drei Schulen aufgehoben und zu einer christlichen Gemeindeschule ohne Unterschied der Konfessionen in einem neuen Schulhaus auf dem Kirchenvorplatz zusammengefasst. Im Jahr 1839 wurden von drei Lehrern (davon zwei evangelische und ein katholischer) 332 Schulkinder unterrichtet, so dass wegen der Raumnot Wechselunterrichte an Vor- und Nachmittagen stattfinden mussten.

Einen neuen Umbruch brachte das hessische Volksschuledikt von 1874. Die Volksschullehrer wurden Staatsbeamte und mussten dem Landesfürsten, dem Großherzog von Hessen und bei Rhein, den Treueid leisten.

Durch die Gründung sowohl der Groß-Konservenfabrik Johann Braun AG im Jahre 1871 als auch der Enzinger - Union - Werke AG. 1879 stiegen die Zahl der Familien und deren Kinder sprunghaft an. Jährlich wurden nach alten statistischen Angaben etwa neunzig Schulneulinge aufgenommen, so dass zusätzlich zum Schulhaus auf dem Kirchenvorplatz ein zweites Schulgebäude - im Volksmund „Bergschule“ genannt - in zwei Bauabschnitten 1893/1906 im Westen an der nach Mörstadt führenden Straße errichtet wurde. Hinzu kam im rückwärtigen Anschluss ein drittes Schulgebäude - im Volksmund „Reitschule“ genannt. Ab Oktober 1909 gab es den ersten „Hauptlehrer“ in Pfeddersheim, der wenige Jahre den Namen „Rektor“ erhielt.

Die genannten Schulen litten schließlich infolge weiter gestiegener Schülerzahlen derart unter Raumnot, dass sie den Anforderungen nicht mehr entsprachen und eine neue Schulanlage beschlossen wurde: Die moderne Paternus - Grund - und Hauptschule wurde in zwei Bauabschnitten auf dem Gelände zwischen dem seit 1934 bestehenden Schwimmbad (heute „Paternusbad“) und der Pfrimm erstellt. Am 19. April 1966 wurden der Ostflügel und die Gymnastikhalle eingeweiht, am 12. Juni 1971 folgte die Einweihung des Westflügels mit dem Zwischenbau für die Verwaltungsräume und die große Schulturnhalle. Die Schule bekam ihren Namen nach den alten Ortsbezeichnungen „Paternsheim“ und „Paternesheim“. Die früheren Schulgebäuden wurden entweder abgerissen (1973/74 das Gebäude auf dem Kirchenvorplatz) oder anderen Nutzungszwecken zugeführt. So konnte in der „Bergschule“ beispielsweise außer einem Kindergarten ein Schulmuseum eingerichtet und am 20. Mai 1989 eingeweiht werden – das erste seiner Art in Rheinhessen. Benannt wurde es nach dem Hochschullehrer für Pädagogik und Literatur, Professor Dr. Hermann Bertlein, der den Museumsfundus in jahrelanger, emsiger Sucharbeit zusammengetragen, geordnet und mitgestaltet hat. Der Besucher kann hier auf den Spuren alter Lehr- und Lernmethoden sowie Schulraumausstattungen folgen.

Wiederverleihung der Stadtrechte

Ein Großereignis für Pfeddersheim brachte das Jahr 1954: Die Landesregierung Rheinland-Pfalz und die Ortsverwaltung verständigten sich im Frühjahr dieses denkwürdigen Jahres darauf, das Datum der damaligen 1200-Jahrfeier mit dem 650-jährigen Jubiläum der Stadtrechtsverleihung zu verbinden und vom 22. bis 24. Mai 1954 die Jubiläumsfeierlichkeiten im großen Rahmen durchzuführen. Zugleich wurden die Stadtrechte wieder verliehen. Der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Peter Altmeier, führte in seiner Ansprache vor dem Pfeddersheimer Rathaus vor großer Kulisse von Ehrengästen darunter der Regierungspräsident von Rheinhessen, Dr. Georg Rückert, der Landrat des Kreises Worms, Georg Schick, sowie viele Delegierte rheinhessischer Gemeinden und vor allem vor der unübersehbaren Bürgerschaft wörtlich aus:

„Wer die Geschichte unseres mittelrheinischen Raumes kennt, weiß, welche Bedeutung Pfeddersheim im ausgehenden Mittelalter und noch bis in die Neuzeit hinein erlangt hat. Erst durch die Hessische Gemeindeordnung von 1874 verlor es aus formalen Gründen den Rechtscharakter einer Stadt. Der Tatkraft und dem Gemeinsinn, der Strebsamkeit und dem Aufbauwillen seiner Bürger ist es zu aber zu danken, dass die Gemeinde heute wieder zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt im rheinhessischen Gebiet emporgestiegen ist. Es ist mir deshalb eine besondere Genugtuung, dass die Landesregierung von Rheinland-Pfalz ihre hohe Anerkennung für die geschichtlichen wie auch für die heutigen Leistungen dieses Gemeinwesens durch die Wiederverleihung der Stadtrechte bekunden darf. Mit Freude übernehme ich die Schirmherrschaft über die für Pfeddersheim so denkwürdige Jubiläumsfeier und entbiete der Stadt und den Bürgern meine herzlichsten Grüße, verbunden mit aufrichtigen Glückwünschen für ihre fernere Zukunft.“

Die Wormser Zeitung widmete den Jubiläumstagen in ihrer Ausgabe vom 20. Mai 1954 eine umfangreiche Sonderbeilage unter der Schlagzeile „Großereignis im Wonnegau“ und setzte den Abschlußbericht unter die Überschrift „Ganz Rheinland-Pfalz blickt auf Pfeddersheim!“ Nach diesen Presseberichten säumten Tausende Schaulustige die Straßen, als sich der historische Festumzug in Bewegung setzte. Krönender Abschluss am Festsonntag 23. Mai 1954 war die Uraufführung des Festspiels „Bauernpassion“ von Wolfgang Altendorf, der als „Sohn der Stadt Pfeddersheim“ dieses Spiel eigens für die 1200-Jahrfeier geschrieben hatte.

Pfeddersheim war während seiner Zugehörigkeit zu Hessen (1816-1945) durch die Hessische Gemeinde- und Stadtordnung vom 13. Juni 1874 wegen zu geringer Einwohnerzahl zur Dorfgemeinde abgestuft worden. Nun also wurde der geschichtsträchtige Ort unter dem damaligen Bürgermeister Heinrich Schmitt (SPD) in den Kreis der rheinland-pfälzischen Städte aufgenommen. Eines der herausragenden Ereignisse in den Folgejahren war die Begründung der Städtepartnerschaft mit Nolay in Burgund im Jahre 1966. Diese Partnerschaft ist die zweitälteste von den insgesamt sieben Städtepartnerschaften, die Worms seit 1957, als die erste mit St. Albans geschlossen wurde, eingegangen ist.

Die wieder verliehenen Stadtrechte für Pfeddersheim währten allerdings nur von 1954 bis 1969: Aufgrund des „Sechsten Landesgesetzes über die Verwaltungsvereinfachung im Lande Rheinland-Pfalz“ vom 10. April 1969, welches am 7. Juni 1969 in Kraft trat, wurde Pfeddersheim in das Gebiet der Stadt Worms eingegliedert. Die dagegen erhobene Klage der Stadt Pfeddersheim wurde durch das Urteil des Verfassungsgerichtshofes Rheinland-Pfalz vom 22. Dezember 1969 (VGH 40/69) abgewiesen und die Eingemeindung nach Worms bestätigt sowie für „verfassungskonform“ erklärt. Unter dem neuen Namen Worms-Pfeddersheim oder der postalischen Anschrift 67551 Worms ist die Entwicklung von Pfeddersheim seit inzwischen 46 Jahren eng mit der von Worms verknüpft.

Verkehrsanbindungen und Weiterentwicklungen

Für Pfeddersheim bedeutungsvoll war bereits im Jahr 1867 der Anschluss an die Eisenbahnlinie von Worms nach Alzey. Die Eröffnung erfolgte am 18. April 1867 auf einer Gesamtlänge von rund 30 km mit täglich fünf Personenzügen und einem Güterzug. Die Zugfolge stieg deutlich an, als 1870 die weiteren Strecken von Alzey nach Bingen und 1871 von Alzey nach Mainz in Betrieb genommen werden konnten. Schon am 24. September 1862 fand in Pfeddersheim eine Versammlung von Gemeindevertretern aller an dieser Eisenbahnlinie angrenzenden Orte statt. Der Hessische Landtag beschäftigte sich in seiner Sitzung am 9. März 1864 mit dem Bahnprojekt und gab der Streckenführung Worms-Pfeddersheim-Monsheim-Alzey-Bingen Vorrang gegenüber anderen Varianten. Die Hessische Ludwigsbahn-Gesellschaft erhielt als Bauträger die Konzession zum Bau dieser Eisenbahnlinie.

Mit dem Bau des Pfeddersheimer Bahnhofes (Pfeddersheimer Eisenbahngeschichte) eröffnete sich nicht nur für die Bürgerschaft eine neue Verkehrsanbindung, auch das für den Ort wichtige Unternehmen der Konservenfabrik Braun AG. – bedeutender Arbeitgeber für zahlreiche Pfeddersheimer – erhielt Bahnanschluss. Dieser Anschluss vom Bahnhof bis ins ehemalige Firmengelände Braun nutzten später die dort eingerichteten Bundeswehreinheiten bis hin zu dem großen Bundeswehrdepot, welches inzwischen im Rahmen der Konversion aufgelöst worden ist und wo in jüngerer Zeit das „Wormser Gründerzentrum“ eingerichtet werden konnte. Hier ist als Erweiterung des Schulangebots neuerdings die Gründung einer Montessori-Schule initiiert worden, in der die Kinder selbst bestimmen können, womit sie sich beschäftigen wollen, um im eigenen Lernprozess zu erkennen, wo ihre Stärken liegen, die sodann weiterentwickelt werden sollen, wobei die Lehrkräfte dieser Privatschule als Berater und Helfer mitwirken.

Die Bahnverbindung brachte schon Ende des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße auch auswärtige Besucher zum „turmreichen Pfeddersheim“, wie es in einem zeitgenössischen Dokument beschrieben wurde. Damit waren die noch erhaltenen mittelalterlichen Wehrtürme der einstigen Stadtbefestigung gemeint, die der Gymnasialprofessor Dr. August Weckerling im Monatsblatt des Wormser Altertumsverein „Vom Rhein“ im Dezember 1904 eingehend beschrieben und illustriert hat. Auch für das gegenüber vom Bahnhof gelegene Großherzogliche Amtsgericht, wo ab 1896 drei Richter und etwa fünfzig Mitarbeiter sowie zeitweise zwei Notare wirkten, war die Bahnverbindung wichtig. Kamen doch zahlreiche Klienten und um ihr Recht nachsuchende Menschen auf diesem Weg nach Pfeddersheim, zu dessen juristischem und notariellem Zuständigkeitsbereich 23 benachbarte Gemeinden zählten, wie es schon zur französischen Kantonalzeit der Fall war. So blieb es bis 1934.

Im Rahmen einer Justizreform wurde das Pfeddersheimer Amtsgericht vor inzwischen über 80 Jahren aufgelöst, seine Zuständigkeiten gingen überwiegend an das Amtsgericht Worms und für die Gemeinden Gundersheim und Oberflörsheim an das Amtsgericht Alzey über. Nach vorübergehenden anderen Nutzungen - vor allem als Arztpraxis - erwarb der „Verein Klinik Lutherhaus Worms e, V.“ im Jahre 1958 das einstige Gerichtsgebäude und richtete das heutige Altenheim Martin Luther Haus dort ein, welches wegen der starken Nachfrage durch einen östlich angegliederten Neubau erweitert worden ist.

Die Verkehrsanbindung von Pfeddersheim blieb weiterhin auch über das Straßennetz gut an das regionale und überregionale Umfeld gewährleistet: Sowohl die Bundesstraße 47 als auch die Landstraße 443 und die Kreisstraße 1 führen unmittelbar nach und von Pfeddersheim. Hinzu kam ab 1975 der Anschluss an die Bundesautobahn 61, deren 1471 Meter lange Talbrücke die Geländesenke des Pfrimmtals zwischen Pfeddersheim und Leiselheim bis zu 30 Meter Höhe überspannt.

Pfeddersheim heute und morgen

Pfeddersheim - mit 1362 Hektar größter Wormser Stadtteil - zählt nach den Daten des Einwohnermelderegisters mit aktuellem Stichtag 6999 Einwohner. Zum Vergleich hierzu lag die Einwohnerzahl im Jahre 1939 nur bei 3.664. Vor allem in den 1950/1960er Jahren stieg die Einwohnerzahl sprunghaft an, weil zahlreiche heimatvertriebene und aus den deutschen Ostgebieten geflüchtete Familien im Rahmen von ländlichen Siedlungsverfahren in neu ausgewiesenen Baugebieten angesiedelt wurden. So war schon 1968 die Einwohnerzahl auf 6.065 angestiegen.

Nach der derzeit geltenden Statistik der Religionszugehörigkeiten zählen 3.242 Einwohner zur evangelischen Kirchengemeinde, 1.720 zur katholischen Pfarrgemeinde Maria Himmelfahrt (Teil der Pfarrgruppe Pfrimmtal), 184 sind unter „Sonstigen“ (Hugenotten, Mormonen, Johanniskirche und Neuapostolische Kirche) zusammengefasst. Weiterhin sind statistisch genannt: Griechisch-orthodox (13), Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz (3), Jüdische Kultusgemeinde Bad Kreuznach und Koblenz (3), Russisch-orthodox (1), Freie Religionsgemeinschaft Alzey (1) und 1.773 werden als „gemeinschaftlos“ bzw. ohne Angaben geführt.

Seit der Eingemeindung in die Stadt Worms (1969) nimmt nach den Bestimmungen der Rheinland-Pfälzischen Gemeindeordnung (§§ 74 ff Gemo) die Ortsverwaltung mit dem Ortsbeirat die örtlichen Belange wahr und unterstützt die Gemeindeorgane - insbesondere den Wormser Stadtrat - durch Anregungen und Beratungen. Der Ortsbeirat verfügt über 15 Sitze (8 SPD, 4 CDU, 2 Grüne und 1 FWG-Bürgerforum).

Besonderer Schwerpunkt der kommunalen Aktivitäten ist seit rund 10 Jahren die Sanierung und Weiterentwicklung des historischen Ortskernbereichs auf der Grundlage eines städtebaulichen Gutachtens, welches die Stadt Worms 2004 in Auftrag gegeben hat. Vor allem mehrere mittelalterliche Wehrtürme im Verlauf der einstigen Stadtbefestigung konnten inzwischen stilgerecht restauriert werden. Dieses Programm ist noch nicht abgeschlossen. Im Einzelnen kann hierzu auf den Bericht „Stadtteilentwicklung in Pfeddersheim – Türme und Ortsmitte“ im Heimatjahrbuch für die Stadt Worms 2014 (S. 151f) verwiesen werden.

Nach dem jüngst herausgegebenen „Ortsleitbild Worms-Pfeddersheim 2025“ als Impulsgeber und Orientierungsrahmen zur Anregung weiterer Entwicklungsprozesse sollen die bisher schon vorhandenen infrastrukturellen Einrichtungen mit der klein- und mittelständischer Wirtschaftsstruktur durch gezielte Maßnahmen umfassend weiter entwickelt werden. In diesen Prozess der Weiterentwicklung sollen unter Würdigung und Pflege geschichtlicher Zeugnisse alle Bürger und nicht zuletzt die etwa 30 vorhandenen Vereine verantwortungsbewusst eingebunden werden. So schließt dieses „Ortsleitbild“ mit der anspruchsvollen Zielvorgabe: „Pfeddersheim ist Motor in der touristischen Entwicklung des Pfrimmtals. Es besteht eine enge Kooperation mit Worms, Monsheim und den Gemeinden im Zellertal. Zentrale Achse ist der Rad- und Wanderweg entlang der Pfrimm. Dieser Weg wird überregional vermarktet.“ Und Ortsvorsteher Alfred Haag schreibt hierzu in seinem Vorwort unter anderem: „Es geht um ein starkes Pfeddersheim, um den Zusammenhalt aller Menschen unseres Stadtteils, und es geht um die nachfolgenden Generationen.“

Literatur- und Quellenverzeichnis:

Alter, Wilhelm Rudolf: „1200jährige Pfeddersheimer Geschichte“, in „1200 Jahre Pfeddersheim“ (Festschrift 1954)

Alter, Wilhelm Rudolf: „Studien zur Geschichte der Verfassung und Verwaltung der Reichsstadt Pfeddersheim zu Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit“, Dissertation 1951 (Universität Heidelberg)

Alter, Wilhelm Rudolf: „Pfeddersheim um 1525 – zugleich ein Beitrag zur Erforschung des Bauernaufstandes in Südwestdeutschland“ (Der Wormsgau, Beiheft 10, 1990)

Bonin, Daniel: „Urkundenbuch der früheren freien Reichsstadt Pfeddersheim“, Frankfurt 1911

Cappel, Albert: „1465 Pfeddersheim kommt zur Kurpfalz“, Gedenkschrift zum 27. Mai 1965, Sonderdruck aus: Pfälzische Familien- und Wappenkunde (Zeitschr. D. Arbeitsgemeinschaft f. pfälzische Familien- und Wappenkunde in Ludwigshafen), Bd. V (H. 5), S. 129-148

Spille, Irene: „Worms-Pfeddersheim“, Köln 1988 (Rheinische Kunststätten, Heft 328),

Spille, Irene: „Juden in Pfeddersheim im 19. und 20. Jahrhundert, Darstellung der Geschichte der Gemeinde, der Synagoge und des Friedhofs in :Der Wormsgau, 18. Bd. 1999, S. 179-220

Spille, Irene: in „Festschrift zum Abschluss der Renovierung der katholischen Pfarrkirche Maria Himmelfahrt Pfeddersheim 1988-1992“, S. 11-39

Weckerling, August: „Die Befestigung der alten Reichsstadt Pfeddersheim“, in „Vom Rhein“, Monatsblatt des Wormser Altertumsverein, Worms, Dez. 1904, 3. Jg., S. 98ff und 1905, 4. Jg. S. 60 f.

Weiler, Wilhelm: „Aus der Urgeschichte von Pfeddersheim“ in:“1200 Jahre Pfeddersheim“ (Festschrift 1954)

Zillien, Felix: „1250 Jahre Pfeddersheim in Bildern, Geschichten &…“ Geiger-Verlag, Horb am Neckar, 2004 (mehrere Beiträge zur Orts- und Weinbaugeschichte)